Tausend Leben

Früher, in den Ferien mit meinen Großeltern, bin ich viel gereist.

Ich war am Amazonas und in Grönland. Das alte Rom habe ich durchwandert und mir die Akropolis angeschaut. Sternbilder betrachtet und den Göttersagen gelauscht. Die Aztekentempel besucht und Stonehenge. Säbelzahntiger hab ich gesehen und Urzeitmenschen beim Feuermachen. Gaugin beim Malen in der Südsee über die Schulter geschaut.

Im Sessel in der Ecke des kleinen Wohnzimmers meiner Großeltern warteten tausend Welten auf mich.

Und wenn ich heute vorm großen Bücherregal in diesem kleinen Wohnzimmer stehe und meine Augen wandern lasse über Biographien, Gedichtbände, Kochbücher, Reiseberichte, Geschichtsbücher, Bücher über Buddhismus und Naturheilkunde die ganz selbstverständlich neben Beschreibungen archäologischer Ausgrabungen und Weisheiten des Dalai Lama stehen und zwischen denen eine CD von Joan Baez steckt, wird mir bewußt, welch ein Geschenk diese Ferien waren und was sie in mir hinterlassen haben.

Ein bißchen Wissen über römische und griechische Götter, van Gogh und die Entstehung des Lebens auf der Erde. Eine Sammelleidenschaft für Weisheiten, die Liebe zu Gedichten und den Hang, über alles Mögliche und Unmögliche nachzudenken (mit der Gefahr gelegentlicher verschwurbelter Knoten).

Aber vor allem ein Gefühl für die Vielfältigkeit und Farbenpracht dieser Welt, den Blick über so viele Tellerränder meiner kleinen Kinderwelt und eine ganz grundlegende Neugier und ein Staunen für all das, was da draußen schon entdeckt wurde und was es noch zu entdecken gibt.

Diese Neugier blitzt immer noch in den wachen Augen meiner Oma. Auch wenn die Beine nicht mehr wollen und jeder Schritt mühsam ist. Auch wenn die Fingerspitzen kein Gefühl mehr haben und die Nadel nicht mehr so gehorcht, wie sie es früher tat (“Diese kleinen Knötchen, die hab ich immer so gern gestickt…da saß ich neulich einen ganzen Vormittag und hab probiert und mir gesagt ‘das mußt Du doch schaffen!'”). Hat sie geschafft, genau wie die Röckchen für die Urenkelinnen und die Kindergartentasche für den 12. Urenkel.

Auf dem Küchentisch herrscht ein buntes Durcheinander von Zeitungen, Fotos, Schnittmustern, ganz wichtig: dem Telefon und drei Eimern Johannisbeeren, die darauf warten, Marmelade zu werden.  85 Jahre. Entwaffnend neugierig. Ansteckend begeisterungsfähig. Im Herzen lebendiger als mancher 20jährige. Und ich kenne keinen anderen, der so herzlich über sich sebst lachen kann.

Meine Oma ist 85 und schneidet immer noch mit zittriger Hand Sprüche aus Zeitungen aus. Und ich muß grinsen, wenn mein Blick auf den obersten fällt:

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Bild (fast) ohne Worte…

Und dann kann es passieren, daß einem beim Aufräumen plötzlich auffällt, daß es kein besseres Bild für das momentane verschwurbelte Kopfchaos gibt, als den Bücherstapel neben dem Bett …

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I think I think too much…

…und ist es nicht fast schon komisch, wie sich die Nervenzellen genau dann, wenn der Kopf und das Leben eigentlich sowieso schon angefüllter sind, als man bewältigen kann, voll Enthusiasmus und Begeisterung in das Spinnen neuer Gedanken und Pläne stürzen, die dieses zum Platzen gefüllte Leben noch voller und komplizierter machen würden? Oder tun sie es vielleicht genau deshalb? Weil überlastete Synapsen heißlaufen und fehlzünden?

Kaum ist man mal einen Moment unaufmerksam – schwupps – haben sich diese kleinen Biester in wilde neue Verschwurbelungen geknotet, lustige Querverbindungen geknüpft, spinnerte Luftschlösser entworfen und ganz nebenbei die Welt gerettet. Als hätten sie nur darauf gewartet, daß man sie einen Augenblick in Ruhe läßt. “Freiheit, Abenteuer – wir kommen!” oder “Schnell, sie guckt grad net!” (So ein bißchen, wie wenn man die Kinder unbeaufsichtigt läßt und sich freut, weil sie sich so schön still miteinander beschäftigen. Und dann keine halbe Stunde später Hände und Augen von der Arbeit löst und mit angehaltenem Atem zur Kinderzimmertür schleicht um mal zu gucken, was denn der Preis dieser kurzen Freude ist…)

Schaut man dann jedenfalls wieder hin, nimmt einem der große chaotische Berg an Gedankenschnipseln schier den Atem und man fragt sich, wann um Himmels Willen man diesen ganzen Kirmel denn wieder sortieren soll. Ach, und wenn es doch einfach nur Kirmel wäre! Zack, großer Sack, einmal Mülltonne, fertig. Aber nein, bei näherer Betrachtung scheint in all diesem Chaos der ein oder andere vielversprechend aussehende Gedankengang hervorzublitzen. Den man nur aus dem ihn umgebenden wabernden Durcheinander befreien müßte und im Lichte mal gründlich hin- und herdrehen, vielleicht an der ein oder anderen Ecke ein wenig polieren und zack, schon wäre die Menschheit um eine grandiose Idee reicher. Verschwurbelt, aber nützlich. Interessant auf jeden Fall. Bei Gelegenheit unbedingt mit mehr Beachtung weiterzudenken. (Wenn sie sich bis dahin nicht heimlich wieder aus dem Staub gemacht und bis zur Unkenntlichkeit weiterverknotet haben. Sind ja ziemlich promisk, so Gedanken.)

Manche ordnen sich der Kategorie zu “für irgendwas muß der Sch* ja gut sein” oder auch “Ach, guck mal, vielleicht war das ja der Sinn?!”.  Müßte man aber zur Sicherheit nochmal genauer hinsehen. Oder auch nicht. Is gefährlich (siehe Absatz 1).

Manche scheinen vielversprechende Ansätze zu Antworten auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu sein ;-) … diese sind, also, speziell sag ich mal so … das heißt, zumindest solange bis man spät abends dem Gatten davon erzählt … es gibt nicht wenige Gedanken, die sich gedacht nicht halb so bekloppt naiv idealistisch originell anhören wie laut ausgesprochen – oder, um es mit Winnie-the-Pooh zu sagen “When you are a bear of very little brain, and you think of things, you find sometimes that a thing which seemed very thinkish inside you is quite different when it gets out into the open and has other people looking at it.”

Andere widerum muten leicht verquer an und schon in  Ansätzen größenwahnsinnig. Oder wie würden Sie das dringende Bedürfnis nach einer nebenberuflichen Ausbildung (die aber so rein gar nichts mit Ihrem bisherigen Beruf zu tun hat) bewerten, angereichert mit einem steigenden Interesse, sich doch endlich mal näher mit Philosophie und Psychologie zu beschäftigen? (Weil Sie sich ja neben Kindern, Haushalt, Beruf, Haussanierung und dem bißchen Elternarbeit noch so unausgelastet fühlen (*irresLachen*)). Wenn nur das Herz nicht gerade auf dem Vernunftsohr taub wäre…

(Und – was macht Ihr Kopf so, wenn er sich ein bißchen allein und vernachlässigt fühlt? Oder so überlastet, daß die Synapsen fehlschalten?)

(I think, I think too much…)

Gedankenchaos Frau Lotterleben
Vielleicht auch nur ein vorübergehender Anfall von akuter Spinnerei
(Genesung ungewiss)
Gehen Sie bitte weiter, es gibt nichts zu sehen…

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Ich war das nicht – das war schon so!

Ja, ja – der alte Kinderspruch. Nicht ganz ernst gemein, manchmal ein bißchen zum Augenverdreh‘n, geeignet den Zorn erst recht aufflammen zu lassen, ein „das glaubst Du doch selbst nicht!“ auf den Lippen. Und manchmal auch ein bißchen zum Schmunzeln, das Gemüt besänftigend und die Arme öffnend.

Und manchmal auch, um morgens mit diesem Spruch und einem Geistesblitz im Kopf aufzuwachen.

Was, wenn das gar nicht für Kindersünden gilt?
Vielleicht ist das ja alles ein riesengroßer Irrtum und dieser Satz wurde eigentlich zur Beruhigung von Müttern in die Welt geschickt!

„Ich war das nicht – das war schon so!“

Wieviel leichter wird mir doch gleich beim Blick auf die Herzenskämpfe der großen und die Trotzkopfkämpfe der kleinen Tochter, bei der Beobachtung der Selbstfindung und -werdung. Wieviel freier kann ich begleiten und annehmen, die großen und kleinen Schwächen, die mich fordern weil sie zum Teil schlicht anstrengend sind, zum Teil weil sie mir einen Spiegel vorhalten. Wenn ich nicht jeden Herzenskampf, jedes „Danebenbenehmen“ meiner Unzulänglichkeit/unfähigen Erziehung/eigenen Verkorkstheit auf die Fahnen schreibe (also… zumindest nicht ganz ;-)).

„Ich war das nicht – das war schon so!“

Nein, leider auch nicht all die Seiten und Eigenschaften, die ich so liebe und schätze an den kleinen Monstern. Hermine und der Schelm. Nicht der Verdienst meiner bedingungslosen Liebe/großartigen Erziehung/hervorragenden Förderung (also… zumindest nicht ganz ;-)). Ich kann nur danebenstehen, begleiten, entdecken, staunen und mich freuen.

Nein, ich meine nicht die alltägliche Erziehung, nicht all die kleinen “so-benimmt-man-sich-und-so-besser-nicht”-Fragen. Nein, die ganz großen Sorgen, die plötzlich kommen wenn man sich um die wirklich wichtigen Dinge Gedanken zu machen beginnt (und nicht mehr mit anderen Müttern darüber diskutieren muß, ob denn nun Möhre oder Pastinake besser zur Beikosteinführung sind).

“Du verkorkst dein Kind!” scheint jede Woche ein anderer publikumswirksamer Artikel zu schreien. Da werden Erziehungs-, Beziehungs-, Geschwister- und Mutter-Typen charakterisiert und – geben Sie es zu! – obwohl man den Kopf darüber schüttelt, fängt doch das eigene sortierwütige Hirn sofort an, einen in die entsprechenden Schubladen zu stopfen, die jeweils Typen-verbundenen Spätfolgen abzuspeichern und klammheimlich den Nachwuchs auf potentielle frühe Anzeichen für die ein oder andere verschuldete Verkorkstheit zu analysieren.

Natürlich gibt es zwischen all dem Wust an unbrauchbaren Pauschalisierungen auch kleine Perlen an Ratgebern, laufen da draußen Vorbilder herum, die ich nicht missen möchte und deren Denkanstöße mich immer wieder zum Reflektieren anhalten. Doch wenn man nicht aufpasst, kann einem diese ganze Selbstreflexion auch ganz schön den Blick verstellen für all das, was einfach da ist – ganz ohne, daß man daran Schuld wäre.

Mein Wort zum Dienstag also: Lehnen Sie sich zurück, lassen Sie einfach mal los und schulen Sie den ungetrübten Blick auf diese wunderbar verkorksten kleinen Menschen. Wie langweilig wäre es doch ohne all die Macken ;-)!

Und auch an Sie, geschätzter und gewitzter Herr Hirschhausen*: “Ich war das nicht – das war schon so!”

(*Psychoanalyse in einem Satz: „Wenn einer `ne Schraube locker hat, liegt’s an der Mutter.“)

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“Ich war der Chor”

Der Mupf. In meinem Notizheftchen reihen sich die stichworthaft festgehaltenen Anekdötchen, allein der Sprung ins digitale Gedächtnis will nicht so recht gelingen. Was nicht an der digitalen Welt liegt (naja, vielleicht so ein bißchen, seitdem ich nämlich mein armes altes Laptop mit Windows 7 beglückt habe, tut es sich verdammt schwer mit der Informationsverarbeitung… es kann also durchaus schon mal 10 Minuten dauern, so eine Internetseite zu öffnen. Und, liebe Mütter, sagen Sie selbst, wann hat man schon mal 10 Minütchen einfach so rumliegen, die man bequem beim Starren auf Bildschirme zubringen kann. Eben. Wenn man dann nämlich mal sitzt und starrt und wartet, fallen einem dummerweise noch mindestens 20 andere wichtige Dinge ein, die man tun könnte/wollte/müßte. Wobei meist das “müßte” überwiegt. Zum Beispiel endlich mal den lang versprochenen Aushang für den Elternbeirat. Oder die Fotobücher, die man dieses Jahr ja endlich mal früh anfangen wollte. Außerdem muß man dringend noch mails zur Fördervereinsaktion schreiben. Und die Wäsche. Ach ja, und eigentlich noch viel dringender die wichtigen Sachen für den Anwalt raussuchen wegen des Hauses (nee, nee, fragen Sie gar nicht erst….!). Mist. Oh, Seite geladen! Was wollte ich nochmal? Ach ja genau, Blogartikel mails schreiben. “Mamaaaa?!”. Wie ich schon sagte: Sie kennen das! Aber ich schweife ab…)

Wie sich schon aus der Überschrift unschwer entnehmen läßt, zeichnet sich der Mupf nicht unbedingt durch einen Mangel an Selbstbewußtsein aus. Jener Satz fiel gerade letzte Woche bei einer Erzählung über das Theaterstück, das sie im Kindergarten gerade proben. Im Brustton der Überzeugung und schon jetzt ein neuer fester Bestandteil des familieninternen Spruchschatzes.

Wobei “Selbstbewußtsein” es nicht einmal genau trifft. Der Mupf kann durchaus schüchtern. Vielleicht paßt “vertraut seinem Urteil” besser. Beispiel gefällig (ohje, das ist jetzt wirklich schon alt (da war dat Mupf noch keine 3), stell ich grad fest…egal):

Kindergartenstuhlkreis, der neue Praktikant läßt das Gruppenmaskottchen sprechen.

Mupf: “Der kann nicht sprechen. Das ist ein Kuscheltier!”
Praktikant: “Och, vielleicht kann dieses Kuscheltier ja sprechen.”
Mupf: “Mein Bär kann auch nicht sprechen!”

Knallhart kann es da sein, das Mupfel. Egal, was die “Großen” versuchen, ihm da zu erzählen. Noch ein Beispiel gefällig? Gerade eben passiert, im Frühling (;-)).

Erzieherin: “Oh, Kinder kommt mal alle schnell her, draußen schneit’s!”
(Kinder stürmen ans Fenster, Oh! und Ah! und Wie schön! tönt es von allen Seiten.)

Nicht so der Mupf. Der Mupf stellt sich mit verschränkten Armen hin und spricht: “Das is kein Schnee – das is der Kirschbaum!”

Kein Mitläufer, keine Chance. Realist? Vielleicht – doch spinnen und Geschichten erzählen kann der Mupf auch. Nein, tatsächlich trifft dieses Vertrauen in die eigene Wahrnehmung es wohl am besten. Was in keinem stärkeren Gegensatz zur Selbst- und Weltwahrnehmung ihrer großen Schwester stehen könnte. Der Kröte kann man – solange man es schafft, dabei selbst ernst zu bleiben – die wahnsinnigsten Geschichten erzählen und trifft dabei auf groß aufgerissene Augen und mindestens ein erstauntes “ECHT JETZT?!?”. Diese Geschwister-Kombination wird uns wohl noch einige Lach- und Sorgenfalten bescheren ;-).

Doch so sehr das Mupfel auch in sich selbst ruht und sich selbst genug sein kann – ist die große Schwester nicht in der Nähe, fühlt sich das Mupfel nicht komplett. “Wann kommt denn…?!” fragt es dann alle 5 Minuten, und sollte der Abend sich nähern schleicht sich schon mal ein besorgtes “Ich kann aber nicht alleine schlafen…!” ein. (Das zweite Kinderzimmer ist immer noch verwaist und Mupfels Matratze mittlerweile zum Dauergast unter dem Hochbett der Kröte geworden…). Sobald die Kröte dann wirklich mal außer Haus übernachtet, steht ein plötzlich ganz kleiner Mupf mit Hundeblick neben unserem Bett und bittet um Einlaß – und ist nur noch ein kleines Stimmchen und gar kein Chor mehr.

(“Ich war der Chor” bestand dann auch zum Glück nicht nur aus “Ich” beim großen Auftritt – sonst wäre vom Lied nämlich nichts zu hören gewesen weil der Chor statt zu singen hochkonzentriert seine Stiefelspitzen anstarrend das Halstuch durchkauen mußte…)

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Zwischenwelten

Zuviel an Worten endet im Schweigen. Wie hier gerade. Soviel gibt es zu erzählen, manches das erzählt werden kann, manches, daß hier nicht stehen soll. Doch wie das eine eine erzählen und das andere im Schweigen lassen, wie das eine ohne das andere verständlich machen?

Oder muß man das gar nicht? Reicht nicht mir mein Wissen, sind die Worte hier nicht nur für mich? Um sie nicht im Kopf hin- und herzudrehen, sondern auszuschreiben?

Vielleicht das eine. Erinnern Sie sich daran? Mehr als 2 Jahre ist es her, das ich das schrieb. Jetzt bin ich auf meinem Streifzug durch das Archiv wieder daran hängengeblieben und die Worte, wenn auch damals in völlig anderem Zusammenhang entstanden, haben etwas angestoßen und Gedanken in Bahnen gelenkt. Plötzlich in Worten greifbar gemacht, was mehr als diffuses Gefühl schon längere Zeit unter der Oberfläche herumtrieb.

Ankommen ist immer noch Thema. Mehr in mir als nach außen getragen. Doch ab und an muß innen dann doch nach außen.

Über drei Jahre leben wir jetzt hier. Und auch wenn es zwischendurch diese “Angekommen”-Momente gibt, ist da doch auch immer wieder das Gefühl, für das mir ein bißchen das richtige Wort fehlt – vielleicht trifft “außen vor” es noch am ehesten. Da hilft jegliche Einbindung über Kindergarten, Elternbeirat, Nähtreff, Mütterbekanntschaften und der ein oder andere vorsichtige Versuch einer wirklichen Freundschaft nicht. Manchmal bleibt da nur das Gefühl, daß zwischen  jetzt und Freundschaft Welten liegen.

Oh, ich versuche mich in Geduld zu üben. Wachsen zulassen und dem Wachsen Zeit zu geben. Doch ich, die ich doch immer von mir behauptet hätte, über Engelsgeduld zu verfügen, möchte so gern die Vorspul-Taste drücken.

Dann fehlen mir die alten Freundschaften, die gemeinsame Geschichte. Ich sitze zwischen Welten; Stationen der letzten Jahre und Menschen, die ein Stück Weg mitgegangen sind. Die immer noch da sind, erreichbar für Kurzbesuche und Telefonate, aber nicht hier und greifbar. Verbindungen, die wichtig sind und die ich pflegen möchte. Aber kein Telefonat ersetzt einen Spaziergang, ein gemeinsames Essen, Nebeneinanderhergehen und Schweigen, Alltag. Oft stecke ich trotzdem voller Energie und guter Laune mein Herz in die Pflege. Dankbar für das Bewußtsein, daß diese Menschen da sind, auch wenn sie fern sind. Doch es gibt auch Tage, da stecke ich den Kopf in den Sand, weiß ich nicht woher ich Zeit und Kraft nehmen soll, das alles zu bewältigen. Für das Pflegen von alten Bindungen und den Aufbau von neuen. Plagt mich das schlechte Gewissen, weil ich Monate später erst feststelle, daß ich einen (Kinder)geburtstag vergessen habe. Oder keine Zeit gefunden, die Neujahrskarte zu beantworten. Oder ich über einen angefangenen Brief stolpere, der seit April auf seine Fortsetzung wartet. Oder ich das Telefon klingeln lasse, weil entweder Hände oder Kopf gerade zu voll mit anderen Sachen sind. Ärgere ich mich darüber, daß mein Anspruch, nichts halbherzig zu machen viel zu oft zu einem “gar nicht” führt und frage mich, ob dann nicht halbherzig vielleicht doch besser gewesen wäre.

Zwischen Welten sitze ich. Zwischen “nicht mehr” und “noch nicht”.

Zwischen Welten kann es zuweilen ganz schön einsam sein.

Vielleicht ist das so ein bißchen wie bei einem Film. Stellen Sie sich vor, Sie schauen einen Film und jemand setzt sich nach 5 Minuten zu Ihnen. Schnell haben Sie ihm den Inhalt der letzten 5 Minuten geschildert und entspannt schauen Sie gemeinsam weiter, lachen gemeinsamen, erschrecken gemeinsam, vielleicht müssen Sie ab und an ein bißchen kniepern. Dann, nach einer Viertelstunde kommt der nächste. Setzt sich dazu, Sie schildern schnell und in etwas gröberen Zügen die erste Viertelstunde, machen den Neuankömmling mit dem zuerst Eingetroffenen bekannt und versuchen gleichzeitig, nicht zuviel von der Handlung zu verpassen. In der nächsten Viertelstunde erweitert sich der Kreis um noch ein paar Personen, ihre Bemühungen die Neuen ins Bild zu setzen wiederholen sich. Dann muß ihr erster Beleiter leider los, auch wenn der Film noch nicht vorbei ist. Sie verabschieden sich und versprechen, ihn über den Fortgang des Filmes auf dem Laufenden zu halten. Wieder Neuankömmlinge. Wieder Erklärungen, immer oberflächlicher, kaum mehr als eine  grobe Skizze der Geschehnisse. Doch zu mehr reicht die Zeit nicht und gleichzeitig müssen Sie ja auch noch telefonisch die Abwesenden über die Handlung informieren. Das ist Ihnen wichtig, schließlich haben diese ja den Film mit Ihnen von Anfang an gesehen, mit Ihnen gelacht und Tränchen weggeblinzelt. Sie merken, daß Sie dem Film nicht mehr mit voller Aufmerksamkeit folgen können, irgendwie haben Sie das Gefühl, Schlüsselszenen zu verpassen. Ein Schwung neuer Leute kommt herein. Sie erzählen von neuem. Einige davon gehen wieder, ohne sich nochmal zu melden und Sie ärgern sich über die Zeit, die Sie darauf verwendet haben, ihnen den Filmanfang zu schildern, statt Ihre Aufmerksamkeit dem Fortgang zu widmen. Mittlerweile hat auch die Anzahl an vorzeitig Gegangenen sich erhöht und die Koordination von “Ins-Bild-setzen-von-Neuankömmlingen”, “Auf-dem-Laufenden-halten-von-Ehemaligen” und “Film-an-sich-verfolgen” treibt Sie an den Rand der Erschöpfung. Insbesondere die Beurteilung, welche der Neuankömmlinge wirklich interessiert sind und welche denn einfach nur mal so in der Werbepause reinschauen wollten, fällt Ihnen schwer. Sie wissen genau, daß Sie nicht mehr allen alles erzählen können. Doch wem erzählen? Und was? Denn den Film wirklich verstehen kann man ja nur im Ganzen. Und Sie möchten so gern, daß jemand mit Ihnen zusammen den Film sieht und versteht, jemanden der sich beim gleichen Stichwort an die gleiche Pointe erinnert; der die kleinen Details kennt; den Sie wissend anschauen können wenn sich plötzliche eine Querverbindung  zu einer früheren Szene schließt und alles erklärt; dem Sie wortlos die Taschentuchpackung reichen können…

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Ich sitze also zwischen diesen Welten und versuche mich weiter tapfer im großen Spagat. Manchmal fröhlich plappernd und erzählend inmitten all der Neuankömmlinge auf dem Sofa, um in der Werbepause kurz die schon gegangenen anzurufen. Und machmal leise seuzfend aus der Zimmerecke zuschauend, mit dem Wunsch den Film kurz anhalten zu können um wirklich Zeit zum Erzählen zu haben.

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Zumindest Sie kennen jetzt wieder eine kleine Episode.

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Kranker Mupf

Wenn das Mupfel krank ist, wird man um 10 aus dem Kindergarten angerufen, daß das Kind ganz schlaff in der Ecke hängt und über Bauchschmerzen klagt. Eilen Sie also aus dem Büro zum Kindergarten und finden Sie das Kind in Decken gekuschelt im Hundekörbchen (lachen Sie nicht…).

“Können wir zu Hause Eisenbahn spielen?” spricht es .

Zu Hause bekochen Sie es mit Salbeitee und lesen vor.

Dann spielen Sie endlich Eisenbahn. Zwischendurch verschwindet das Mupfel auf dem Klo und rein akustisch ergießt sich ein halber Wasserfall in selbiges. Ihre Frage “Hast Du Pipi gemacht?” kann nur rhetorisch sein und sogleich antwortet es aus dem Klo: “Nee…”. Sie ahnen Schlimmes und finden es auch.

Das Mupfel aber hüpft fröhlich zurück ins Kinderzimmer, trinkt die volle Teetasse in einem Zug leer und baut ungerührt weiter Eisenbahn.

Es ist mittlerweile 12 und Sie bestimmen, daß jetzt aber Mittagsschlafzeit ist (nicht nur, damit das Mupfel sich erholen kann, nein, auch damit sie zumindest einen Teil ihres angebrochenen Arbeitstages aufholen können.

Schlafen geht nur “Aber mit Dir!” und in “Mamas Bett”. Sie legen sich mit dem festen Vorsatz hin, aufzustehen sobald das Mupfel eingeschlafen ist und erwachen kurz nach halb 2 wieder. Eine halbe Stunde später findet auch das Mupf sie etwas verschlafen auf dem Sofa vor ihrem Laptop wieder (das übrigens zum Verrücktwerden langsam ist, seitdem wir es vor 3 Wochen auf die neue Windows-Version umgestellt haben).

Preisen Sie die Erfindung der Bildschirmunterhaltung und versuchen Sie nebenbei zu arbeiten. Achten Sie unbedingt darauf, ihre wissenschaftliche Argumentation nicht zu reimen und aus Versehen mit “hex-hex” abzuschließen.

Kredenzen Sie dem hungrigen Kind zwei Zwiebäcke und eine halbe Banane. Bauen Sie frisch gestärkt an der Bahnstrecke weiter. Dann der fröhliche Ruf nach “Wasserfarben!”. Kleiden Sie das Kind in den Malkittel und platzieren es am Esstisch, holen die Wäsche aus der Maschine und nutzen Sie die Zeit. “Ich mal jetzt einen Regenbogen. Und eine Sonne!” flötet das Kind hinter Ihnen gut gelaunt.

Der Gatte betritt die Bühne. Begrüßt das Mupfel am Tisch und Sie hören nur ein “Was hast Du denn da auf dem Kittel? – Hast Du gespuckt?”. Das Mupfel nickt betreten. Ausziehen, waschen, frisch einkleiden und knuddeln und dann das arme kleine Kind zum Vorlesen aufs Sofa verfrachten.

Mitten im zweiten Buch und mitten im Gespräch über das Buchgeschehen ergießt sich das Kind mit einem lauten Plätschern über die vorsorglich ausgebreiteten Handtücher und Spucktücher. Das Mupfel scheint genauso überrascht wie Sie selbst über diesen Ausbruch, sitzt aber schon kurz nach dem Umziehen wieder ins Buch vertieft neben Ihnen. Springt auf um Ihnen zu zeigen wie “schoggen” geht (“guck mal, das ist nur wie schnell laufen”) und hüpft geschickt zwischen Schienen und Häusern entlang. Setzt sich singend hin und stellt Tiere und Bäume neu auf.

Ganz ohne Diskussionen geht es um 7 ins Bett, läßt sich überzeugen, daß die Kuscheltiere heute nacht besser in sicherer Entfernung auf dem Sitzsack schlafen, hört sich verständnisvoll nickend an, daß der Bauch grad einfach Platz zum Aufräumen und Reparieren braucht und deshalb alles was im Weg liegt, wieder rauswirft und schnarcht zwei Gläser Wasser später tief und fest.

Bis jetzt unfallfrei. Drücken Sie mir die Daumen.

(Magen-Darm war noch nie unseres, kommen wir nicht mit klar. Wir bleiben wohl doch bei Bronchitis. Da weiß man, was man hat; trinkt Tee, inhaliert ein bißchen, liegt im Bett und läßt sich pflegen. Und schwankt nicht erratisch zwischen himmelhochjauchzend und hundeelend…)

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